Eine Lesung aus Kleists Brief

Dr. Adrian Robanus (*1988) ist Germanist. 2021 erschien seine Dissertation Romantiere. Zoopoetik bei Wieland und Wezel beim Metzler-Verlag. Seit 2021 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kleist-Museum in Frankfurt (Oder) an der Schnittstelle zur Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft.

Am Samstag, den 3. und am Sonntag, den 4. September liest Dr. Adrian Robanus Heinrich von Kleist.

Heinrich von Kleist, geboren 1777, erscheint heute als moderner Charakter, der an der Jahrhundertwende um 1800 ins Zentrum der politischen und gesellschaftlichen Umbrüche in Deutschland geriet. Trotz seiner Herkunft aus einer märkischen Adels- und Offiziersfamilie waren seine Lebensverhältnisse zeitlebens instabil. Aus der fortwährenden Krisenerfahrung heraus entwickelte er seine Ideen und seine wechselnden Lebensentwürfe. Gesellschaftliches Reformdenken und literarische Experimente gingen dabei Hand in Hand. Schon als Fünfzehnjähriger trat er in die Preußische Armee ein und schied sieben Jahre später als Leutnant wieder aus, er studierte Philosophie, Physik, Mathematik und Staatswissenschaft in seiner Geburtsstadt Frankfurt (Oder) und interessierte sich zeitlebens für Technik, Bildung und Verwaltung. Kleist hatte zahlreiche, ständig wechselnde Wohnsitze, sein Leben lang ist er gereist. Seine Erzählwerke und Theaterstücke sind durch Extreme gekennzeichnet. Das gilt sowohl für die Darstellung menschlicher Bindungen und ihres Scheiterns, als auch für ihren radikalen Formwillen. Kleist war auf vielen Gebieten leidenschaftlich tätig. Sein Glücksstreben und sein Ideal, sich als freier Schriftsteller durchzusetzen, trieben ihn an. Er sehnte sich nach Ruhm, den er zu Lebzeiten nicht gewann. Kleists Entscheidung, seine späte Lebenspartnerin Henriette Vogel und sich selbst am Wannsee zu erschießen, prägte lange sein Bild in der Öffentlichkeit. Viele Aspekte dieses radikalen Schrittes müssen Gegenstand von Spekulationen bleiben, aber in seinen letzten Briefen inszenierte er die Selbsttötung als Freitod in „unaussprechlicher Heiterkeit“.
Die vielen Unsicherheiten in Heinrich von Kleists Leben zeigten sich auch in seiner zeitlebens prekären finanziellen Situation. Die Lesung stellt Briefe des Dichters vor, in denen er sein Bitten um Geld gleichzeitig zu rhetorischer Briefkunst machte.

„Ich bitte Gott um den Tod und dich um Geld, das du auf mein Hausantheil erheben mußt.“ – Kleist in Geldnot

Brief an Karl Wilhelm von Pannwitz
Bern, im August, 1802


Mein lieber Pannwitz, ich liege seit zwei Monaten krank in Bern, und bin um 70 französische
Louisd’ors gekommen, worunter 30, die ich mir durch eigne Arbeit verdient hatte. Ich bitte Gott um
den Tod und dich um Geld, das du auf mein Hausantheil erheben mußt. Ich kann und mag nichts wei-
ter schreiben, als dies Allernothwendigste. Schicke zur Sicherheit das Geld an den Doctor und Apotheker Wyttenbach, meinem Arzt, einem ehrlichen Mann, der es euch zurückschicken wird, wenn ich es nicht brauche. Lebet wohl, lebet wohl, lebet wohl.
Heinrich Kleist.

Brief an Ulrike von Kleist
Dreßden, d. 5t Jan. 1808.

Es sind nun schon wieder nahe an drei Monaten, meine theuerste Ulrike, daß ich keine Zeile von deiner Hand gesehen habe. Dieses Wormlage liegt in einem solchen Winkel der Erde, daß die Post es
gar nicht kennt, und der Eine sagt, die Briefe giengen über Berlin, der Andere, über Cottbus. Ich schicke dir also diesen Boten, als eine Art von Execution, die nicht eher von dir gehe, als bis du dich zu einer Antwort entschlossen hast. Setze dich sogleich hin, mein liebstes Mädchen, und schreibe mir, warum das Geld, das du mir zu Weihnachten versprochen hast, ausgeblieben ist? Jeder Grund ist zu verschmerzen, nur nicht der, daß du mir böse bist. Wenn du es nicht auftreiben kannst, was sehr wohl möglich ist, so muß ich dies wenigstens wissen , damit irgend ein andrer Rath geschafft werden kann. Denn unsere litterarische Unternehmung, die den beßten Fortgang verspricht, ist in vollem Laufe, Dreßden allein bringt 50 Subscribenten auf, woraus du das Resultat des Ganzen berechnen magst, wenn du auch nur annimst, daß von den übrigen Städten in Deutschland, jede 1 nimt. Die Horen setzten 3000 Exemplare ab; und schwerlich konnte man sich, bei ihrer Erscheinung, lebhafter
dafür interessiren, als für den Phöbus. Durch alle drei Hauptgesandten dieser Residenz (den franz. östr. und russischen, welcher letztere sogar (Gr. Kanikow) Aufsätze hergiebt ) circuliren Subscrip-tionslisten, und wir werden das erste Heft auf Velin durch sie an alle Fürsten Deutschlands senden.
Es kömt Alles darauf an, daß wir die Unternehmung, in den drei ersten Monaten, aus eigner Casse bestreiten können, um nachher in jeder Rücksicht völlig gedeckt zu sein. Schreibe mir also unverzüglich, ob du mir mit einem Vorschuß zu Hülfe kommen kannst, oder nicht; und wenn es bloß daran liegt, daß du das Ganze, das du versprachst, nicht auftreiben kannst, so schicke den Theil, den du vorräthig hattest, und zwar gleich, durch meinen Boten, welches ein, zum Postamt gehöriger, Portechaisen-Träger, und völlig sicher. Ich schicke dir eine Handvoll Anzeigen, damit du auch, oder wer es sei, eine Subscription, wo sich die Gelegenheit findet, veranlassen kannst. Julchen kann Eine oder zwei an Martini nach Frankfurt schicken, wo ja auch Lesegesellschaften sein müssen.
Adieu, grüße Alles, und schreibe mir, was du willst, nur nicht, daß du mir nicht mehr so gut bist, als sonst —


Dein Heinrich. (Pirnsche Vorstadt, Rammsche Gasse N. 123.)

N. S. Der Bote ist bezahlt.